People are strange

Führung in der Krise: Außen Druck, innen Zweifel

Führung zeigt sich nicht, wenn alles rundläuft – sondern im Moment der Ungewissheit. Wenn Zahlen sinken, wenn Mitarbeitende Angst haben, wenn man Entscheidungen treffen muss, für die es keine klare Antwort gibt. Genau in solchen Momenten beginnt echte Selbstführung, die wiederum mit Selbsterkenntnis beginnt. Das soll keine Küchenpsychologie sein, sondern ist oft harte Realität, die manchmal auch wehtut.

Manuela und Werner Sattlegger sprechen im heutigen Podcast wie sie ganz persönlich mit solchen Situationen umgegangen sind, was sie sich gewünscht hätten und wie uns das Enneagramm dabei helfen kann, dem eigenen Leben auf der Spur zu bleiben.

  • Denn jeder Mensch ist so unterschiedlich wie jeder Stern am Himmel, diese Erkenntnis hat bei uns auch Jahre benötigt, wie uns das ganz konkret im Leadership helfen kann, darum geht es in dieser Podcastepisode.

Der Fall: Manfred Mittermaier zwischen zwei Welten

Manfred ist 42, leitet ein Team von 45 Personen und arbeitet seit über 15 Jahren in einem Automobilzulieferunternehmen. Doch jetzt ist die Lage ernst: Auftragsrückgänge, Restrukturierungen, Kündigungen.
Er soll führen, motivieren, durchhalten – während das System bröckelt.

Gleichzeitig wächst in ihm etwas anderes: Die Sehnsucht nach Sinn, Natur, Eigenverantwortung.
Seit Jahren betreibt Manfred in seiner Freizeit eine Imkerei. Was als Hobby begann, wurde zu einem florierenden Nebenbusiness mit echten Perspektiven.
Die Frage, die ihn nicht mehr loslässt:
Soll ich loslassen? Oder weitermachen?
Was genau beeinflusst Manfreds Entscheidung – jenseits von Fakten?
Warum kämpfen Menschen in der gleichen Lage mit so unterschiedlichen inneren Spannungen?

Die Antwort: Weil wir durch unterschiedliche innere Filter auf dieselbe Realität schauen.
Das Enneagramm beschreibt genau diese Filter – in Form von neun Persönlichkeitsmustern, die uns antreiben, blockieren oder in Bewegung bringen.

Die neun Enneagramm-Typen – und wie sie auf Manfreds Situation reagieren würden

Typ 1 – Der Reformer: "Ich muss das Richtige tun."

  • Pflichtbewusst, selbstkritisch, idealistisch.
    Er spürt ein starkes Verantwortungsgefühl – gegenüber Mitarbeitenden, Familie, Gesellschaft, vor allem ist perfektionistisch. Er stellt sich selbst zurück, um moralisch „sauber“ zu handeln. Die Imkerei erscheint nur dann legitim, wenn sie gesellschaftlichen Mehrwert bietet. Die Entscheidung fällt schwer, weil er es allen recht machen will – vor allem seinem inneren Kritiker.

Typ 2 – Der Helfer: "Ich werde gebraucht."

  • Menschenorientiert, hilfsbereit, beziehungsstark.
    Der Helfer hilft gerne aber nicht bedinungslos, denn er möchte dafür Ankerkennung und Wertschätzung. Im konkreten Fall denkt er zuerst an andere: Wer leidet, wenn ich gehe? Wer profitiert, wenn ich bleibe? Er könnte sich innerlich zerrieben fühlen zwischen Fürsorge und Selbstfürsorge. Die Imkerei wird dann attraktiv, wenn sie anderen nützt – etwa durch Workshops, Regionalprojekte, Bildungsarbeit.

Typ 3 – Der Erfolgsorientierte: "Ich will Wirkung zeigen."

  • Zielstrebig, effizient, leistungsstark.
    Der Erfolgsmensch orientiert sich vor allem nach Leistung und Anerkennung. Im Fall Mittermaier betrachtet er beide Optionen strategisch: Wo kann ich mehr bewegen? Wo kann ich Erfolg zeigen? Er denkt nicht so sehr an die anderen im Untenrehmen, sondern wie kann er vielleicht besser darstehen. Dafür kann er auch ein wenig manipulativ sein, vielleicht es auch mit der Wahrheit nicht so ernst nehmen. Im Fall Mittermaier reizt die Selbstständigkeit – aber nur, wenn sie professionell skaliert werden kann. Er denkt in Marken, Positionierung, Reichweite. Risiko ist für ihn kein Problem – solange es erfolgsversprechend ist.

Typ 4 – Der Individualist oder Romantiker: "Ich will echt sein."

  • Emotional, tiefgründig, ausdrucksstark.
    Der Romantiker hat immer eine tiefe Sehnsucht er selber zu sein, sieht immer die Notwendigkeit sich von anderen unterscheiden zu wollen. Als Führungskraft empfindet Herr Mittermeier die Konzernwelt als entfremdend, die Imkerei symbolisiert für ihn Authentizität dagegen Tiefe und Authen. Seine Entscheidung ist nicht ökonomisch, sondern existenziell. Wenn er bleibt, fühlt er sich innerlich leer. Wenn er geht, könnte er ins kreative Aufblühen kommen – mit all dem Drama, das dazugehört.

Typ 5 – Der Beobachter: "Ich brauche Wissen und Kontrolle."

  • Analytisch, zurückhaltend, kompetent.
    Der Beobachter zieht sich gerne innerlich zurück, ist in sich gekehrt und sammelt Informationen, rechnet Szenarien durch. Er zeigt sich nicht gerne im außen, da dort für ihn der Druck oft zu hoch ist. Der Wechsel zur Imkerei ist nur denkbar, wenn er sich vollständig vorbereitet fühlt. Emotionale Dynamiken sind ihm unangenehm – lieber trifft er eine durchdachte, rationale Entscheidung in seinem Tempo.

Typ 6 – Der Loyale: "Ich brauche Sicherheit."

  • Zuverlässig, vorausschauend, verantwortungsvoll.
    Der Loyale hilft immer anderen gerne, da er sich selber zu wenig kennt und spürt. Er ist immer für andere da, obwohl sie es vielleicht gar nicht wollen. Und er steckt voller Selbstzeifel und ist im vorliegenden Fall im Sicherheitskonflikt: Was passiert, wenn ich scheitere? Wem kann ich trauen? Er zweifelt – an sich, an den Strukturen, an der Zukunft. Gleichzeitig fühlt er sich verpflichtet, nicht wegzulaufen. Er sucht Rat, Absicherung, Zustimmung. Ohne ein starkes Netzwerk fällt ihm der Sprung schwer.

Typ 7 – Der Glücksucher und Enthusiast: "Ich will frei sein."

  • Optimistisch, ideenreich, energiegeladen.
    Er sieht in jeder Krise die Chance: Raus aus dem Trott, rein ins Leben! Die Imkerei wird zum Abenteuer. Risiken blendet er gerne aus, vor allem aber die Mühen der Ebene. Wenn’s schwierig wird, könnte er aber auch weiterziehen zur nächsten Idee. Für ihn zählt der Reiz des Neuen – weniger die Tiefe der Entscheidung.

Typ 8 – Der Herausforderer: "Ich will unabhängig sein."

  • Stark, direkt, durchsetzungsfähig.
    Er rebelliert gegen Fremdbestimmung. Der Konzern mit seinen Zwängen stößt ihn ab. Er will die Kontrolle zurück. Für ihn ist klar: Wenn ich gehe, dann baue ich mein eigenes Ding auf – größer, besser, selbstbestimmt. Loyalität hat er – aber nur, wenn er sich respektiert fühlt.

Typ 9 – Der harmoniesüchtige und Friedliebende: "Ich will Ruhe."

  • Harmonisch, verbindend, konfliktscheu.
    Er wünscht sich, dass es sich „von selbst löst“. Der Druck lähmt ihn. Er kann sich nicht entscheiden – will niemanden enttäuschen und sich schon gar nicht anbiedern. Die Gefahr: Er bleibt zu lange in einer Situation, die ihn auslaugt. Und doch: Wenn er sich bewegt, dann mit überraschender Kraft – leise, aber nachhaltig.

Warum das Enneagramm für Führung so wertvoll ist

In einer Welt ständiger Veränderung reicht es nicht mehr aus, Führung auf Methoden und Strukturen zu reduzieren.


  • Im Zentrum steht der Mensch – und die Fähigkeit, sich selbst zu führen.

  • Das Enneagramm ist kein vereinfachendes Typologie-Modell, sondern ein präzises Instrument zur Selbstreflexion. Es unterstützt dabei, unbewusste Verhaltensmuster zu erkennen, innere Antreiber zu verstehen und auf dieser Grundlage differenzierter zu handeln.

Denn wirksame Führung setzt voraus, dass ich mir über meine eigenen Motive, Ängste und Reaktionsweisen im Klaren bin. Nur wer sich selbst versteht, kann andere klar und verantwortungsvoll führen – besonders in komplexen Situationen.

Wenn Sie Verantwortung tragen – im Unternehmen, im Team oder im Leben – können wir uns folgende Fragen stellen:

  • Was motiviert mich auf einer tieferen Ebene?

  • Welche Entscheidungen meide ich – und weshalb?

  • Wie beeinflusst meine Persönlichkeit mein Führungsverhalten?

Wie es mit dem Fall Mittermeier weitergeht und wie wir Dank des Enneagramms dem eigenen Leben auf der Spur kommen, darum geht es in der nächsten Podcastfolge.

Autoren: Manuela Sattlegger, Cofounder Art of Life, Mal und Gestaltungstherapeutin, Werner Sattlegger, Founder der Art of Life

Bücher

Werner Sattlegger: “Die Kunst reifer Führung”

Uwe Böschemeyer, Das heitere Enneagramm

Uwe Böschemeyer, Du bist viel mehr: Wie wir werden, was wir sein könnten

Helen Palmer/Paul B. Brown: “Das Enneagramm im Beruf”

 

Autor: Werner Sattlegger
Founder & CEO Art of Life

Experte für digitale Entwicklungsprozesse, wo er europäische mittelständische Familien- und Industrie-unternehmen von der Komfort- in die Lernzone bringt. Leidenschaftlich gerne verbindet er Menschen und Unternehmen, liebt die Unsicherheit und das Unbekannte, vor allem bewegt ihn die Lust am Gestalten und an Entwicklung.